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Artenreiche Säume
für den ökologischen Ausgleich in der
Schweiz
Im Jahre 2000 hat Ö+L das "Saumprojekt" initiiert.
Mithilfe zahlreicher Partner wurde während sieben Jahren intensiv
geforscht, optimiert, informiert. 2008 ist der "Saum auf Ackerfläche"
als neuer Ökoflächentyp vom Bundesamt für Landwirtschaft
in die Direktzahlungsverordnung aufgenommen worden. Hier finden Sie die
wichtigsten Informationen.
Warum
Säume?
Die Idee zum "Saumprojekt" entstand im Rahmen
eines Ö+L-Kulturlandschaftsprojektes in Osteuropa. In vielen Ackerbaugebieten
gehören dort breite, oft sehr artenreiche Säume zwischen Wegen
und Feldern oder auch zwischen den Ackerschlägen bis heute zur Kulturlandschaft.
Für die Artenvielfalt sind sie traditionell das tragende Element.
In der Schweiz dagegen wird oft bis ans Wegbankett gepflügt, und
wo schmale Säume übrig geblieben sind, werden sie fein säuberlich
gemulcht, mehrmals jährlich gemäht oder gar mit Herbiziden abgespritzt.
Für die Biodiversität, die Vernetzung und das Landschaftsbild
sie so völlig wertlos - ein ungenutztes Potenzial.
Das
Saumprojekt
Mit dem Projekt "Artenreiche Säume für den
ökologischen Ausgleich" - kurz: "Saumprojekt" - wollten
wir artenreiche, streifenförmige, nur alle ein- bis zweimal gemähte
Dauergesellschaften entlang von Ackerschlägen, Wiesen, Weiden, Wegen,
Gräben und Gehölzen (wieder) zu einem wertvollen Element der
Ackerbaulandschaften der Schweiz machen.
In Zusammenarbeit mit dem Institut für Umweltwissenschaften
der Uni Zürich, der ART Reckenholz, dem Forschungsinstitut für
Biologischen Landbau FiBL und der Vogelwarte Sempach, finanziert vom Bundesamt
für Landwirtschaft (BLW) und zahlreichen weiteren Institutionen,
entwickelten wir die Grundlagen für den neuen Öko-Ausgleichsflächentyp
"Säume".
Neuer
Ökoflächentyp seit 2008
Die breit abgestützten Untersuchungen zu Flora, Fauna
und Akzeptanz bei Bauern und Bevölkerung und die positiven Resultate
bewogen das BLW, den "Saum auf Ackerland" als neuen Ökoflächentyp
in die Direktzahlungsverordnung DZV auszunehmen. Bedingungen und Beiträge
des "Saum auf Ackerland" sind im Artikel
52a der DZV beschrieben.
Ansaat
notwendig
Da die typischen Pflanzenarten artenreicher Säume
bei uns verschwunden sind, müssen die Säume angesät werden,
wenn sie sich zu einem ökologisch wertvollen Lebensraum entwickeln
sollen. Im Gegensatz zu Buntbrachen stellen Säume aber eine Dauervegetation
dar. Die im Projekt entwickelten Mischungen enthalten deshalb neben spezifischen
Saumarten, die teilweise auch in den Buntbrachemischungen vorkommen, auch
solche extensiv genutzter Wiesen, beispielsweise Gräser. Die Gräser
sorgen für einen raschen Bodenschluss und vermindern dadurch die
Gefahr einer Verunkrautung.
Das Saumprojekt entwickelte zwei Mischungen:
eine ffür mittlere oder trockene Standorte, und eine für feuchtere
Standorte. Die Mischungen enthalten 5-6 Grasarten und 32-36 Kräuter-
und Leguminosenarten. Die Ansaat erfolgt im Frühjahr. Die Mischungszusammensetzung
finden Sie hier
(pdf, 25 kb), Details zur Ansaat hier
(pdf, 500 kb). Die Saatgutkosten belaufen sich auf 20 bis 30 Fr. pro Are.
Säume werden alle 1-2 Jahre einmal zur Hälfte
gemäht (Details hier).
Säume sind besonders geeignet, um Vernetzungsziele
in intensiv genutzten Agrarlandschaften (z.B. im Rahmen von Vernetzungsprojekten)
zu erreichen.
Wie
sollten "gute" Säume aussehen?
Säume sollen eine arten- und blütenreiche Vegetation
aufweisen und permanente Strukturen in die Landschaft bringen. Mit den
im "Saumprojekt" entwickelten Mischungen und Methoden haben
wir folgende Ziele angestrebt:
- botanisch artenreich( >20-25 typische Saumarten pro
Quadratmeter)
- Ansaat unterdrückt effektiv unerwünschte Pflanzen
(v.a. Quecke, Blacken, Ackerkratzdistel)
- blütenreich
- permanentes Blütenangebot im Jahreslauf
- vielseitiges, wertvolles Nektar- und Pollenangebot
- ertragen regelmässige mahdfreie Jahre
- stabile Artenzusammensetzung
- für viele Phytophagen geeignete Nahrungspflanzen
(Nützlingsförderung)
- Artenzusammensetzung vergleichbar mit natürlichen
Säumen auf den entsprechenden Standorten
Die untersuchungen zeigten, dass diese Ziele mit den entwickelten Mischungen
und Verfahren zu mindestens 80% erreicht werden können.
Fragen und
Antworten des Forschungsprojektes
Im 7-jährigen Forschungs- und Entwicklungsprojekt
haben wir auf folgende Fragen eine beit abgestützte wissenschaftliche
Antwort gesucht:
- Welche Mischungen und Anlagemethoden eignen sich am
besten?
- Welches Nutzungsregime ist am optimalsten?
- Inwieweit werden Nützlinge und Schädlinge/
Unkräuter gefördert?
- Welche Rolle spielen Säume für die Diversität
der Kulturlandschaft?
- Wie attraktiv sind Säume als neues, abgeltungsberechtigtes
Element des ökologischen Ausgleichs für Landwirtschaftsbetriebe?
Und wie schätzen sie die Bevölkerung ein?
Versuchskonzept
- 55 Versuchssäume (5mx120m) auf IP- und Biobetrieben
in 10 Regionen der Schweiz
- 3 Mischungen pro Standorttyp (feucht, mesisch, trocken),
2 Schnittverfahren (1x pro Jahr, 1x jedes 2. Jahr)
- Floristische Erhebungen: Räumliche Vegetationsstruktur,
Anteile der funktionellen Gruppen, Deckungsgrad aller Pflanzenarten
- Faunistische Erhebungen: Tagfalter und Heuschrecken
mittels Transektmethode; Laufkäfer, Spinnen, Mäuse und Schnecken
mittels Fallen
- In allen 560 Teilfächen der 55 Säume wurden
im Juni 2002 alle Pflanzenarten und deren Anteile erhoben.
- Als wichtige Ergänzung zum vegetationskundlichen
Hauptprojekt liefen zum Themenbereich Biodiversität, Fauna sowie
Nützlinge und Schädlinge 4 Teilprojekte an. In diesen werden
alle 2 Jahre in 4 bis 5 Regionen folgende Tiergruppen untersucht:
- Tagfalter, Heuschrecken, Grillen
- Laufkäfer
- Mäuse und Schnecken
- Bei allen Versuchsstreifen wurde anhand von Bodenproben
der Bodentyp und die Nährstoffversorgung bestimmt (P, K, Mg, pH,
Ton, Corg).
- Im Jahr 2003 wurden in drei Regionen neue Versuchsstreifen
mit verbesserten Mischungsvarianten angelegt.
Resultate
der Untersuchungen
In rund der Hälfte der ersten Ansaaten (2001) wurden
die Ziele bezüglich der botanischen Artenvielfalt, der Struktur
und dem Verhältnis Kräuter-Leguminosen-Gräser erreicht.
Vor allem an schattigen Standorten versagten die Mischungen im allgemeinen
(Vergrasung). Der Mischungstyp "feucht" hat sich infolge noch
zu geringen Angebots geeigneter Arten für die Ansaat am schlechtesten,
der Typ "trocken" am besten bewährt.
2003 wurden verbesserte Mischungen mit einem höheren
Kräuteranteil in weiteren Versuchsstreifen angesät. Dadurch
konnten die Qualitätskriterien, insbesondere der Kräuteranteil,
zu über drei Vierteln erreicht werden - auf den frischen bis trockeneren
Standorten praktisch überall, auf den feuchteren aus obgenannten
Gründen nur teilweise.
Für Tagfalter und Heuschrecken sind die neu
angesäten Säume schon ein Jahr nach der Ansaat zu einem wichtigen
Lebensraum geworden, der ebensoviele Arten und eine meist höhere
Individuendichte als die besten bestehenden Lebensräume in der Umgebung
aufwiesen.
Die Befragungen, die Xenia Junge im Rahmen einer
Diplomarbeit und eines Praktikums durchführte, zeigen eine hohe Akzeptanz
der Säume (siehe Junge
et al. 2009 (pdf, in englisch)). Über 80% der nicht-landwirtschaftlichen
Bevölkerung gefielen die Säume gut bis sehr gut. Die Anlage
von Säumen finden 97% der Befragten sinnvoll und 90% befürworten
die Anlage weiterer Saumstreifen in der Landwirtschaft. Den Landwirten
ist in erster Linie die Artenvielfalt in den Säume wichtig. 75% der
Landwirte, die bisher noch keine Säume auf ihrem Betrieb haben, wären
bereit, einen Saum anzulegen. Gründe sind in erster Linie der ökologische
Wert der Säume und ihre Vernetzungsfunktion. Die am häufigsten
genannte Befürchtung ist die Verbreitung von Problemunkräutern.
Dennoch würden 63% aller befragten Bauern Säume gegenüber
Buntbrachen vorziehen, da die in der Mischung enthaltenen Gräser
die Verunkrautungsgefahr mindern. Bauern, die bereits einen Saum angelegt
hatten, berichteten positiv über die Artenvielfalt und freuten sich
über positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung. Negative
Erfahrungen ergaben sich aus dem schlechten Auflaufen einiger Ansaaten
oder dem Vergrasen von Säumen der "ersten Generation" (Ansaaten
2001).
Weitere
Informationen finden Sie u.a. in folgenden Unterlagen:
- Artenreicher Saum – wertvoller Lebensraum und Vernetzungselement
im Ackerbau. Merkblatt Agridea Lindau. 4 S. Autoren: Jacot K., L. Eggenschwiler,
A. Bosshard, M. Charollais, N. Koller, S. Kuchen 2008. pdf-file
(500 kb)
- Jacot K, L. Eggenschwiler & A. Bosshard 2005: Vegetationsentwicklung
in angesäten Säumen. Agrarforschung 11(1): 10-15.
- Säume als neues ökologisches Ausgleichselement? Hotspot
11/2005, 10-11. pdf-file
(130 kb)
- Bosshard A., K. Jacot & B. Schmid 2004: Extended field margins
as a key habitat for restoration of intensively cultivated landscapes.
Proceedings of the ESA 89th Annual Meeting - Portland, Oregon. Ecological
Society of America. pdf-file
(650 kb, nur in Englisch verfügbar)
- Informations-Artikel in UFA-Revue 10/07. pdf-file
- Junge X., K.A. Jacot, A. Bosshard & P. Lindemann-Matthies 2009:
Swiss people’s attitudes toards field margins for biodiversity
conservation. Journal for Nature Conservation (in press). pdf-file
(180 kb).
Preisträger
"Die Goldene Lerche"
Die MUT-Stiftung für menschen-, umwelt- und tiergerechte
bäuerliche Landwirtschaft hat das Projekt "Artenreiche Säume
für den ökologischen Ausgleich der Schweiz" im Februar
2002 mit "Der Goldenen Lerche" ausgezeichnet, einem Förderpreis
für ökologische Innovation in der landwirtschaftlichen Produktion)
Aus der Laudatio der Stiftung: "Die Jury
ist beeindruckt vom vergleichsweise geringen Aufwand, mit dem sich landesweit
ein respektabler ökologischer und ökonomischer Gewinn erzielen
liesse, sofern das Projekt die erhofften Resultate erbringt. Sie zeichnet
deshalb ausnahmsweise eine Forschungsarbeit aus, die sich noch in der
Startphase bedindet."
Breite Unterstützung
- herzlichen Dank!
Das Projekt wurde von zahlreichen Institutionen finanziell unterstützt.
Den grössten Teil, nämlich die vegetationskundlichen Untersuchungen,
hat das Bundesamt für Landwirtschaft finanziert. Für weitere
Fragestellungen engagierten sich der Fonds Landschaft Schweiz, zahlreiche
Kantone und Stiftungen. Ihnen allen sei an dieser Stelle ganz herzlich
für ihre wertvolle, unbürokratische Unterstützung gedankt.
Ohne sie hätte das Projekt nicht realisiert werden können.
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