Andreas Bosshard
Artikel erschienen in: Pedroli B. (Hrsg.) 2000: Lebensraum Landschaft / Landscape our Home. Essays on the Culture of the European Landscape. Indigo Publishers, Zeist, S. 45-53.
In der Literatur, die sich mit Begriff, Erfassung und Gestaltung von Landschaft auseinandersetzt, ist ein fundamentaler Wandel unübersehbar. Jahrzehntelang stand das Bemühen im Vordergrund, Landschaft zu definieren und zum handhabbaren Objekt abzugrenzen. Hunderte von Definitionen gingen daraus hervor.
Gegenwärtig scheint sich ein neuer Konsens breit zu machen: Landschaft wird nicht mehr primär als fester Gegenstand gesehen, sondern als mentales Produkt. Der Mensch baut sich die Landschaft in seinem Geiste auf. Er setzt die Grenzen, er schafft sich innerlich die Landschaft nach seinem Bilde, er definiert die Aspekte, unter denen er die Landschaft betrachtet, in ihm entwickelt sich das, was wir als Atmosphäre oder Essenz der Landschaft bezeichnen.
Der heutige Blick der Landschaftsforschung ist entsprechend vor allem auf die Prozesse gerichtet, die diese Aneignung lenken, befasst sich mit unseren inneren Bildern, unseren geistigen Präferenzen, der synthetischen Fähigkeit, Landschaften in unserem Geiste aufzubauen kurz: das Interesse gilt nicht mehr so sehr dem Objekt Landschaft, sondern dem es zur Erscheinung bringenden Subjekt. Der Anspruch darauf, Landschaft sei etwas Objektives, wird zunehmend fallengelassen. Was Landschaft ist, und was eine wertvolle oder eine zerstörte Landschaft ist, definiert nach diesem gegenwärtig sich vorkämpfenden Paradigma der individuelle Mensch Landschaft als Epiphänomen des subjektiven, individuellen Geistes.
Diese neue Strömung in der Landschaftskunde wirkt befreiend, ermöglicht ganz neue Sicht- und Umgangsweisen mit Landschaft. Landschaft wird aus dem begrifflichen Korsett unterschiedlicher Fachrichtungen erlöst, gestaltbar, frei.
Die Entwicklung hat aber auch ihre Schattenseiten, die noch kaum reflektiert werden. War es bisher das begriffsbildende Subjekt, ist es nun das Objekt, das ausgeblendet zu werden droht. Wurde Landschaft bisher in naiver, naturalistischer Weise als objektiver Gegenstand zu sehen und zu behandeln versucht, wird sie nun zu etwas ganz und gar Subjektivem, in ihrer Äusserlichkeit Irrelevantem, ja sogar Individuell-Beliebigem, Individuell-Verfügbarem.
In dieser Einseitigkeit geht eine bisher selbstverständliche Tatsache ohne Erwähnung unter: Landschaft ist nicht nur eine Konstruktion des Geistes. Von der Landschaft kommt uns auch etwas entgegen: Das, was wir mit unseren verschiedenen Sinnen wahrnehmen. Die Wahrnehmungen aber sind durch die bestimmte Landschaft gegeben, eine nicht manipulierbare Grundfeste. Die sinnlichen Eindrücke von Landschaft bilden damit eine ebenso unerlässliche wie objektive Basis für unsere geistige Aufbauarbeit. Im Menschen kommt die Natur zur Sprache, hat Meyer-Abich dieses Verhältnis ausgedrückt.
Landschaft als permanente Schöpfung
Landschaft ist, wird diese wechselseitige Beziehung zwischen Wahrnehmung und geistigem Aufbau zu Ende gedacht, weder nur Objekt noch nur subjektiv erzeugtes Epiphänomen, sondern ihr Wesen besteht in dem Dazwischen. Landschaft lebt zwischen Subjekt und Objekt. Im Wechselspiel zwischen Wahrnehmung und geistiger Aneignung kommt die Natur zur Sprache, und mehr noch: sie tritt erst darin in Erscheinung.
Dieses Landschaftsverständnis soll im folgenden etwas eingehender und von verschiedenen Seiten dargestellt werden. Denn unsere Denkstrukturen sind noch ungelenk im Umgang mit Realitäten des Dazwischen, des Weder-nurnoch-nur oder Sowohl-als-auch. Die Huhn- oder Ei-Frage gilt uns nach wie vor als Paradoxon: Das eine muss vorher, das andere als Wirkung nachher sein, wenn wir es mit unserer geläufigen Denkart erfassen wollen.
Landschaft widersetzt sich wie der lebendige Organismus dieser Logik. Landschaft ist weder zuerst oder nur in unserem subjektiven Geiste noch zuerst oder nur Objekt da draussen, sondern sie ist ganz Huhn und Ei zusammen: nämlich ein Ganzes, das erst dadurch zum Leben erweckt wird und in Existenz tritt, dass Objekt wie Subjekt, Wahrnehmung und begriffliches Erfassen, in wechselseitiger Abhängigkeit und gleichzeitiger Anwesenheit dieses Ganze fortwährend neu bilden.
Das Verhältnis zwischen Mensch und Landschaft kann damit als ein komplementäres charakterisiert werden. Das Huhn ist zwar mal mehr Ei, mal mehr Huhn im engeren Sinne, aber in beiden Erscheinungsformen ist das andere als der notwendige, unsichtbare, bedingende Gegenpol immer mit da. Ohne die Anwesenheit des Gegenpols wäre das Huhn das Objekt, das ausgestopft in unserem Regal steht. Dieses statische Bild scheint derzeit auch bei der Landschaft an Anziehungskraft zu verlieren.
Innen ist aussen, aber anders
Was aussen ist, ist innen, und was innen, aussen. lautet ein Hermes Trismegistos zugeschriebener Leitspruch der Gnostiker. Konzentrierter könnte das Wesen der Landschaft vielleicht nicht angenähert werden. Das Aussen, die von Begriffen noch völlig freien Wahrnehmungen, und das Innen, die mentale, begriffliche, strukturierende Tätigkeit des Menschen, treten angesichts einer Landschaft in Resonanz und verschmelzen zum Objekt mit seiner Atmosphäre. Das Objekt und seine spezifische Qualität ist innen und aussen, innen durch aussen und aussen durch innen.
Eigentlich fruchtbar wird der Ansatz, wenn wir uns klar machen, dass aussen und innen grundlegend unterschiedliche Qualitäten aufweisen.
Die Wahrnehmung des Äusseren oder kurz das Aussen ist gegeben. Wohl können wir uns bestimmten Wahrnehmungen öffnen oder verschliessen, aber dieser Akt ist zum einen bereits eine selektive innere Tätigkeit, und zum anderen sind auch innerhalb eines bewusst oder unbewusst eingeschränkten (oder auch durch Technik erweiterten) Spektrums die Wahrnehmungen immer gegeben.
Nicht unmittelbar gegeben ist dagegen das, was der menschliche Geist mit den Wahrnehmungen macht: Welche Begriffe er ihnen zuordnet, welche Zusammenhänge er zwischen ihnen bildet. Derselben sinnlichen Wahrnehmung können unter unendlich vielen Gesichtspunkten Begriffe und damit unendlich viele Begriffe! zugeordnet werden. Wenn ich aber den Gesichtpunkt festgelegt habe, von dem aus ich mir eine Wahrnehmung begrifflich aneignen möchte, von dem Moment an ist auch die Abgrenzung und der Begriff der einzelnen Wahrnehmungsobjekte gegeben. Was also zunächst beliebig oder subjektiv ist, ist der Gesichtspunkt, von dem aus ich eine mir gegebene Wahrnehmung geistig betrachte. Habe ich diesen Entscheid getroffen (oder wohl häufiger: hat er sich in mir getroffen), ist der Begriff ebenso gegeben wie die Wahrnehmung selbst.
Wahrnehmungsmuster wird Gegenstand
Um die beiden Qualitäten des Innen und Aussen zu verdeutlichen, bitte ich Sie, bevor Sie weiterlesen, nebenstehendes Bild (Abb. 1) zu betrachten und es mit zwei Sätzen so zu beschreiben, als ob Sie eine Legende dazu verfassen würden. Vergleichen Sie nun das Formulierte mit der von mir verfassten Legende: Differenzierte Wiesennutzung: Streuwiesen sind im Frühjahr noch lange braun und grenzen sich dadurch scharf von intensiv genutztem Wiesland ab, das auch über den Winter grün bleibt. Die steileren Flächen werden beweidet (Kuhweglein rechts im Bild), der Südhang (links) als Heuwiese genutzt. Vermutlich haben Sie nicht ein gleiches Objekt abgegrenzt und bezeichnet, vermutlich waren Ihnen ganz andere Aspekte genau desselben Bildes also derselben Wahrnehmungen wichtig wie mir.
Vielleicht kennen Sie das berühmte Beispiel in Abb. 2: Was sehen Sie hier? Eine alte Frau? Eine junge? Beides ist im Bild in evidenter Weise enthalten. Wenn Sie geeicht sind auf nur eine Blickrichtung, fällt es allerdings schwer, die andere einzunehmen und die anderen Zusammenhänge herzustellen, die zur Benennung der jungen oder alten Frau führen. Mit etwas Übung kann aber der Gesichtspunkt mit Leichtigkeit gewechselt werden: Es lässt sich lernen, denselben Wahrnehmungszusammenhang vom Gesichtspunkt der jungen und der alten Frau zu betrachten, zu deuten und zu benennen. Jedes Element bekommt dabei je nach Blickrichtung einen völlig anderen Inhalt. Die gleiche Linie dieselbe Wahrnehmung also bedeutet im einen Fall beispielsweise Mund (alte Frau), im Falle des Gesichtspunktes junge Frau aber belegen wir sie zweifelsfrei mit dem Begriff Halskette. Keine der beiden Deutungen ist zunächst richtiger oder falscher, sie ist lediglich eine Frage des Gesichtspunktes, der den Gesamtzusammenhang und die Evidenz erst schafft.
Landschaft zwischen Intuition und Logik
Ich möchte anhand dieser beiden Beispiele nochmals verdeutlichen, wie jeweils das Objekt oder die Wirklichkeit zustande kommt.
Die beiden Muster (Abb. 1 und 2) machen bewusst, wie der Gesichtspunkt die begriffliche Aneignung der Wahrnehmung mitbestimmt. Ein Gesichtspunkt ist Bedingung, dass wir etwas überhaupt als Objekt erkennen und bezeichnen können. Normalerweise legen wir uns über den bedingenden Gesichtspunkt keine Rechenschaft ab, weil bestimmte Gesichtspunkte starke innere Gewohnheiten und damit das Alltäglichste der Welt sind; kommt dazu, dass wir uns, sofern der Gesichtspunkt passt, sogleich vom Objekt, das vor uns entstanden ist, faszinieren lassen, so dass wir unsere mental-begriffliche Leistung beim Objektaufbau permanent übersehen.
Das Beispiel mit den beiden Frauenköpfen zeigt auf der anderen Seite, wie wir mit etwas Übung fähig sind, den Gesichtspunkt bewusst zu wechseln und dieselben Wahrnehmungen in ganz andere Zusammenhänge einzuordnen und damit mit anderen Begriffen zu bezeichnen, zu anderen Erkenntnissen zu kommen, andere Objekte zu erkennen.
Die beiden Seiten des Wirklichkeitsaufbaus begriffliche Aneignung von Wahrnehmungen und Gesichtspunktwahl werden oft den beiden Seiten des Gehirns zugeordnet. Steht der Gesichtspunkt einmal fest, sind die begrifflichen Zuordnungen mit der Evidenz der Logik gegeben. Eigenschaften der linken Gehirnhemisphäre wie wissenschaftliche Genauigkeit, sammlerische Vollständigkeit und logisches, lineares Denken führen zu sachgemässen begrifflichen Aneignungen von Wahrnehmungsinhalten. Betrachte ich beispielsweise eine Landschaft unter dem Gesichtspunkt des Begriffes Auto, suche ich die sinnlichen Wahrnehmungen beispielsweise mit dem Begriff Strasse zu verbinden; dies wird mir in einzelnen Fällen an der Wahrnehmung gelingen, nämlich da, wo ich in der Landschaft eine Strasse ausmachen kann. Aber auch dort, wo die sinnlichen Wahrnehmungen sich nicht direkt mit dem Begriff Strasse in Verbindung bringen lassen, kann ich die Möglichkeiten der Landschaft für den Bau von Strassen als Begriff zum Aufbau meiner Landschaft verwenden gemäss der Logik von Topographie, Geologie, Baustatik, der Autotechnik etc.
Der Benennung von Wahrnehmungsinhalten von einem bestimmten Gesichtspunkt aus steht der Prozess der Gesichtspunktwahl gegenüber. Mit Logik und linearem Denken komme ich hier keinen Schritt weiter. Der Gesichtspunkt der jungen Frau lässt sich unmöglich aus den Wahrnehmungen der Muster auf dem Blatt Papier herleiten. Die Gesichtspunkte, die ich bei der Betrachtung der Druckerschwärze einnehmen kann, sind prinzipiell unbegrenzt. Was hier gefragt ist, ist Kreativität und Erfahrung. Das Finden eines neuen Gesichtspunktes ist ein völlig freier, kreativer Prozess im Rahmen unendlicher Möglichkeiten von Gesichtspunkten. Erkenntnistheoretisch ist diese Unendlichkeit oder Undeterminiertheit die logische Voraussetzung für Kreativität. Das Fassen von bestimmten Gesichtspunkten also der eigentliche kreative Akt wird als Intuition bezeichnet. Kreative Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie fähig sind, die unterschiedlichsten Gesichtspunkte am Objekt zu entwickeln und damit neue Verbindungen und Deutungen herzustellen, die zu neuen Erkenntnissen und Ideen führen. Diese Fähigkeit wird vor allem der rechten Hirnhälfte zugeschrieben.
Im wesentlichen kann uns jeder Begriff ein Gesichtspunkt sein. Je mehr Begriffe ein Mensch durchdacht und mit Erfahrung gefüllt hat, desto grösser ist seine intuitive Potenz. Intuition hat damit eminent auch etwas mit Erfahrung, individuell geistig-begrifflich durchwirkter Erfahrung zu tun. Darin ist jeder Mensch absolut einzigartig, ein Gefäss, das in einzigartiger Weise eine Potenz für bestimmte Arten oder Bereiche von Intuitionen, Begriffsfassungen verkörpert. Vermutlich haben Sie in meiner Legende zum Bild 1 unschwer denjenigen Bereich erraten, in dem ich meine Begriffsfähigkeit besonders ausgebildet habe: Im Bereich der Pflanzensoziologie und Landwirtschaft.
Every thing goes?
Die bisherigen Überlegungen waren in Bezug auf die Landschaft wertfrei. Sie haben lediglich aufgezeigt, wie Objekte entstehen, dass aus demselben Wahrnehmungsmuster verschiedene Objekte realisiert werden können und dass wir dabei mit einem persönlichen Beitrag am Objekt beteiligt sind. Wo bleibt da die Landschaft als etwas Eigenständiges, als charaktervolle Einheit, die bestimmte Handlungen fordert und andere als zerstörerisch zurückweist?
Der Versuch, die Landschaft als ein Phänomen des Dazwischen zu begreifen, wäre absolut unvollständig ohne die beiden nachfolgenden Aspekte:
Zunächst ist festzustellen, dass es trotz der Unendlichkeit möglicher Standpunkte Begriffe , allen Wahrnehmungen gegenüber angemessenere und weniger angemessene Standpunkte gibt, sobald die Wahrnehmungen in einen grösseren Kontext eingebettet sind und das sind sie, im Gegensatz zu den Abbildungen 1 und 2, in jeder realen Situation! Auf dem Bild Nr. 2 kann der Gesichtspunkt der alten Frau mit derselben Berechtigung eingenommen werden wie derjenige der jungen Frau. In der Landschaft steht aber ein Bild nie allein für sich da, sondern ist Teil eines übergeordneten Ganzen, aus dem heraus der angemessene Standpunkt zu suchen ist. Am einen Ort wäre es zweifelsfrei die junge, am anderen die alte Frau, die sich aus dem Kontext als die angemessene Deutung ergibt.
Die Einsicht, dass es angemessene und weniger angemessene Standpunkte gibt, führt eine normative Komponente in die Landschaftserkenntnis ein und stellt sich damit in Gegensatz zum Subjektivismus, der sich als Konsequenz aus dem rein individualistischen Paradigma ergibt, das heute im Vordergrund steht nach dem Motto jeder baut sich die Landschaft nach seinem Bilde (im Sinne des modern-nihilistischen every thing goes). Nur: was im einzelnen Fall angemessen heisst, ist in der Landschaft mit ihren unendlich vielseitigen Beziehungen viel schwieriger zu bestimmen als im Beispiel mit der alten bzw. jungen Frau. Dass aber dieses Phänomen der (zumindest relativen und zeitgebundenen) Angemessenheit von Standpunkten existiert, ergibt sich für mich nicht nur aus theoretischen Überlegungen, sondern entspricht einer Erfahrung, die ich in Landschaftsplanungsprojekten und Schlichtungsverfahren unzählige Male gemacht habe.
Zweitens ist die spezifisch menschliche Eigenschaft hier zu erwähnen,
dass der Mensch seine Standpunkte reflektieren und sie austauschen, sich in
andere Standpunkte hineinversetzen und sie dadurch für sich selber aktiv
verändern kann. Mit anderen Worten: Menschen können sich gegenseitig
zu neuen Intuitionen verhelfen. Intuitionen erscheinen also nicht nur zufällig
oder sind nur begabungssache, sondern sie können gefördert, ja herbeigeführt
werden durch den Austausch zwischen Menschen, besonders wenn diese ihre intuitive
Potenz im Bezug auf Landschaft in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben.
Sozial induzierte Intuitionen ist sehr effektiv, sie kann in
relativ kurzer Zeit ganz neue Weltbilder und damit neue Ideen und das Potenzial
für kreative, noch nie dagewesene, zunehmend angemessenere Handlungsweisen
in Individuen wie der Gesellschaft entstehen lassen.
Ausblick in die Landschaftspraxis
Die bisherigen Erörterungen mögen stark theorielastig erscheinen. Meiner Erfahrung nach sind sie es nicht. Das möchte ich abschliessend mit zwei Thesen zur umsetzungsorientierten Landschaftsplanung und einem konkreten Beispiel zeigen.
1. Landschaftsintuition als freudvolles Erlebnis nutzen: Den Punkt des stimmigen, sachgemässen Gesichtspunktes in jeder einzelnen Planungssituation individuell zu finden, ist zweifellos eine der grössten und wichtigsten Herausforderungen in der Gestaltung der Landschaft als öffentlicher Raum. Das Aufspüren des richtigen Gesichtspunktes und einer die Situation weiterbringenden Lösung ist ein kreativer Prozess und wie jeder kreative Prozess lustvoll. Das gemeinsame Gelingen diese Herausforderung wird deshalb nach meiner Erfahrung als sehr motivierend und freudvoll empfunden. Es wird dadurch zu einem entscheidenden Erlebnis, das wesentlich zu einem erfolgreichen Verlauf von Planung und Umsetzung beiträgt. Es vermag meiner Erfahrung nach auch blockierende Kräfte wirksam zu überwinden. Kreative Lösungen sind Win-Win-Phänomene, beruhen auf Komplementarität und sind damit das Gegenteil von grundsätzlich demotivierenden Kompromissen, von Opfersymmetrie, Interessenvertretung und wie die Konzepte des Entweder-Oder- und Konkurrenzdenkens alle heissen. Die Kraft der professionell-lösungsorientierten und zugleich spielerisch-freudvollen Kreativität ist bisher in der Landschaftsplanung stark vernachlässigt worden und kann gerade in konfliktgeladenen Situationen neue Lösungsmöglichkeiten denkbar und nachhaltig umsetzbar machen.
2. Kreative Rahmenbedingungen schaffen: Gegenseitiges Vertrauen zwischen
den Beteiligten sowie in den Prozess, eine Atmosphäre der Offenheit, des
unvoreingenommenen, nichtwertenden Austausches und der gegenseitigen Achtung
sind für das Entstehen einer kreativ fruchtbaren Atmosphäre selbstverständliche
und gleichzeitig kaum mit Rezepten zu realisierende Voraussetzungen. Sie müssen
oft über viele Jahre erst wachsen und sind, wenn sie zustande kommen, bis
zu einem Gewissen Mass immer Glücksfall. Eine Haltung, die sich der Landschaft
als schöpferischer Leistung zwischen Objekt und Subjekt bewusst ist, kann
aber wesentlich dazu beitragen, den Boden zu bereiten und geeignete unterstützende
Schritte vorzunehmen. So kann das Engagement (1) eines Mediators oder (2) von
Künstlern, Planern und Wissenschaftern, die geübt sind im Vermitteln
und Neuentdecken landschaftlicher Zusammenhänge, eine ausserordentlich
wertvolle Hilfe sein. Ja der Beizug solcher Prozessspezialisten
kann darüber entscheiden, ob ein Landschaftsprojekt den Durchbruch schafft.
Wie die Erfahrungen mit den an ökologische Leistungen gebundenen Direktzahlungen
in der Schweizer Landwirtschaft gezeigt haben, können (3) auch ökonomische
Anreize, die an bestimmte Auflagen gebunden sind, sehr wirksam zu einem neuen,
echten Interesse an bestimmten Zusammenhängen in der Landschaft beitragen.
Dieser Metaebene des Prozesses genügend Aufmerksamkeit zu schenken bleibt
neben einer anspruchsvollen inhaltlichen Arbeit von Planungen oft kein Platz
mehr. Zudem sind Fachspezialisten in der Regel nicht ausgebildet, darauf zu
achten.
Im Berggebiet des Kantons Zürich (CH) ist gegenwärtig ein Landschaftsprojekt
am Entstehen, das die hier genannten Elemente umfassend anzuwenden versucht.
Das Projekt Kulturlandschafts-Betriebsbeitrag (s. Literaturangaben)
will interessierten Landwirtschaftsbetrieben Rahmenbedingungen anbieten, die
es den Bauernfamilien ermöglichen und sie auffordern, sich intensiv und
in freilassender, auf Eigeninitiative bauender Weise mit ihrer Landschaft und
ihren besonderen Werten und Entwicklungsmöglichkeiten auseinander zusetzen.
Dafür werden an Leistungen geknüpfte finanzielle Beiträge ausgerichtet,
Weiterbildung und betriebsspezifische Beratung angeboten und ein regelmässiger
Austausch zwischen den Betriebsleiterfamilien, mit Landschaftsfachleuten und
der Bevölkerung organisiert. Im Gegenzug verpflichten sich die Betriebe
mittels einer gesamtbetrieblichen Zertifizierung, Pionierleistungen im Bereich
Biodiversität, Landschaftsästhetik sowie Agrikultur zu erbringen.
Das Projekt soll für andere Betriebe Beispielwirkung haben und gleichzeitig
auch zu wirtschaftlich selbsttragenden Folgeprojekten führen. Die Initianten
hoffen, mit dem Projekt die landschaftlich und ökologisch ausserordentlich
vielfältige, in ihrem Wert in hohem Grad von der landwirtschaftlichen Nutzung
abhängige Landschaft und die mir ihr verbundene landwirtschaftliche Kultur
erhalten und weiterentwickeln zu können.
Schlussbetrachtung
So wie wir Landschaft in mentaler Auseinandersetzung mit der wahrgenommenen Aussenwelt in uns bilden, werden wir sie auch aussen, mit unseren Taten, schaffen. Innenwelt (Begrifflichkeit und Intuition) und Aussenwelt (Wahrnehmung) haben also nicht nur einen epistemologischen Bezug, sondern auch einen ganz handfest-physischen. Wir gestalten die Landschaft nach dem Bilde, nach denjenigen Begriffen, die wir in unserer Biographie erhalten oder uns erarbeitet haben. Die Begriffe und Bilder einer Landschaft sachgemäss zu entwickeln muss deshalb zum erstrangigen Anliegen der Landschaftsforschung und Landschaftsplanung gehören.
Landschaft entsteht natürlich auch ohne gezielte Anstrengungen in jedem von uns in einem fortwährenden, unbemerkten Prozess zwischen aussen und innen. Oft hat dieser Prozess allerdings mehr mit inneren Bildern zu tun (Projektionen), mit einem mitgebrachten Standpunkt, als mit einem der Landschaft adäquaten. Wie ich in diesen Ausführungen zu zeigen versuchte, kann eine klärende Trennung zwischen mitgebrachten und landschaftsgemässen Bildern und Begriffen dort besonders leicht und fruchtbar geschehen, wo der Erkenntnisprozess als soziale Plastik, in partizipativen Auseinandersetzungen mit Landschaft in trans- wie interdisziplinärer Art gestaltet wird, also zwischen Experten verschiedener Spezialisierung wie zwischen Beteiligten und Experten. Diesen Prozess zu gestalten und die Beteiligten dafür zu interessieren, kann als die gegenwärtig wohl grösste, aber auch bereichernste Herausforderung der Landschaftskunde und Landschaftsplanung bezeichnet werden.
In diesem Verständnis der Landschaft als ein Prozess zwischen Objekt und Subjekt ist Landschaft nie fertig, sondern muss sich in uns und in Auseinandersetzung mit unseren Wahrnehmungen von der Landschaft einerseits und unseren inneren, persönlichen wie zeitgeistigen Bildern oder auch neu auftauchenden Intuitionen laufend neu bilden.
So betrachtet kann Landschaft mit einem konkreten, mit unverkennbaren, individuellen Zügen begabten Lebewesen verglichen werden. Seine Elemente (Begriffe und Wahrnehmungen) verändern sich kontinuierlich und werden im Laufe der Zeit vollständig ausgetauscht. Gerade dadurch lebt es, kann sich weiterentwickeln und verwandeln und nimmt auch neue, vorher nicht da gewesene Züge an. Dennoch oder gerade deshalb bleibt es dieses eine Individuum mit seinem ganz spezifischen Charakter und als diese Landschaft zweifelsfrei erkennbar.
Die hier für die Landschaft untersuchten Erkenntnis-Phänomene sind auf die einfachsten Gegenstände übertragbar. Aber die Landschaft ist vermutlich derjenige Wahrnehmungszusammenhang, an dem wir besonders rasch an Grenzen und Widersprüche stossen mit einer linearen Denkweise und der deshalb die Tatsache der Schöpfung zwischen Objekt und Subjekt bewusster macht als jeder andere.
Summary
The article describes Landscape as a phenomenon of between: neither objective nor subjective, but emerging from the interaction between mens spirit and the sensations directly related to a given landscape. The concepts and terms we bring together with a particular landscape are the basis for our actions. Inner world our culturally and biographically influenced viewpoints, images, terms and concepts and outer world the sensations have therefore a concrete relation: We shape landscape according to our inner world. But there is also a reverse relation: our images and concepts can and must, as prerequisite for sustainable results be shaped by landscape itself.
It is shown, that we can distinguish between and find criteria for suitable and less suitable viewpoints about a concrete landscape in a concrete planning frame. The article provides some examples how the process to find suitable viewpoints can be facilitated by several instruments summarised as soziale Plastik: Instruments like inter- and transdisciplinary communication or particular exercises introduced by skilled artists, scientists and planners should be able to rise the interest of all participating people to take part in this common process of landscape recognition and landscape shaping inside as well as outside.
Ergänzende Literatur
Bosshard, A. 2000: A methodology and terminology of sustainability assessment and its perspectives for rural planning. Agriculture, Ecosystems & Environment, 77, 29-41.
Genossenschaft Melioration Fischenthal Ost / Amt für Landschaft und Natur Kanton Zürich / Forschungsinstitut für biologischen Landbau Frick 2000: Der Kulturlandschafts-Betriebsbeitrag – ein Pilotprojekt im Zürcher Berggebiet.
Zürcher Vogelschutz und Zürcher Bauernverband (Hrsg.) 1992: Landwirtschaft und Naturschutz aus Bauernhand. Schlussbericht des CH91-Pilotprojektes auf 9 Bauernhöfen im Kanton Zürich 1989-1991. 58 S.
Abbildung 1: Landschaft
Abbildung 2: Muster